Auch wenn der Sektor der sozialen Dienstleistungen eng mit den Gesundheitsdiensten verknüpft ist und die genauen Grenzen des Sektors umstritten geblieben sind, strebt dieser Artikel mehr Klarheit an, indem er sich auf den Sektor der sozialen Dienstleistungen konzentriert (für einen solchen Ansatz siehe Evans et al. 2012). Die Differenzierung zwischen Gesundheits- und Sozialdienstleistungen erscheint auch angesichts der Praxis der Arbeitsbeziehungen auf europäischer Ebene gerechtfertigt: Es ist bereits ein sektoraler sozialer Dialog für Krankenhäuser etabliert, ein sektoraler sozialer Dialog für soziale Dienstleistungen ist noch in Vorbereitung (für Tarifverhandlungen in deutschen Krankenhäusern, siehe Glassner et al. 2015). Dieser Artikel konzentriert sich auf endogene Prozesse und soziale Akteure innerhalb und über bestimmte Bereiche hinweg, die die Voraussetzungen für institutionelle Veränderungen geschaffen haben könnten. Lokale und nationale Akteure könnten die Öffnung der Märkte erleichtern oder behindern; sie können auch die Weltanschauungen der wirtschaftlichen Liberalisierung und der Sparpolitik, die innerhalb der EU vorherrschen , initiieren oder ablehnen (Lamping 2008) und somit dazu beitragen, die europäischen und globalen Marktstrukturen und die sozialen und symbolischen Ordnungen (umzustrukturieren). Während beispielsweise die deutschen politischen Entscheidungsträger den Marktwettbewerb in bestimmten Sektoren (z. B. im Krankenhaussektor) etablierten, lange bevor sich die europäischen Minister darauf verständigten, die EU zur wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaft der Welt zu machen, betrachten einige die Lissabon-Strategie 2000 als Anstoß zur Liberalisierung des deutschen Arbeitsmarktes durch die Agenda 2010. Ungeachtet der Reformen der Tarifverträge im öffentlichen Sektor betrachten einige ihre Bereitstellung nach wie vor als leistungsfeindlich und effizient. Basierend auf Bourdieus Theorie der sozialen Bereiche, hat dieser Artikel die Rolle der sozialen Akteure und ihre (institutionalisierten) Machtverhältnisse bei der Schaffung von Praktiken, Normen und Überzeugungen von Lohnbildungsfeldern in sozialen Dienstleistungen betont. Insbesondere behauptete der Artikel eine dialektische Wechselbeziehung und Interdependenz zwischen Institutionen und Akteuren in den historischen Bahnen der Lohnfestsetzungspraktiken.

Wenn breitere institutionelle Konfigurationen und Feldgrenzen relativ stabil sind, werden vorherrschende Verhaltensmuster eher reproduziert und sogar auf neu geschaffene Teilbereiche ausgedehnt als verändert. Das Gegenteil ist in sich entwickelnden und weniger ausgereiften Bereichen der Fall, in denen offene Konflikte über die Grenzen und Praktiken vorherrschen könnten (siehe auch Tabelle 2). Die Verhandlungen über den BAGS-Kollektivvertrag dauerten mehr als sechs Jahre und resultierten aus langwierigen Kämpfen zwischen Densen, die eine klassenübergreifende Koalition auf der einen Seite bildeten, und politischen Akteuren auf der anderen Seite. Darüber hinaus kam es innerhalb der Arbeits- und Arbeitgeberlager zu Konflikten. Der heftigste Widerstand gegen eine nationale sektorale Vereinbarung kam jedoch von den Regionalregierungen, die argumentierten, dass sie kein national harmonisiertes System finanzieren könnten, um eine breite Palette von sozialen Berufen zu bezahlen. Regierungsvertreter zogen es offen vor, ihre Verhandlungsposition zu verbessern, indem sie getrennt mit einzelnen Anbietern verhandelten. Die Entschlossenheit der Arbeitgeber, diese zerstrittenen Taktiken zu beenden, bewoge ihre Unterstützung der nationalen sektoralen Vereinbarung (Interviews 03, 04 und 05). Die Gesprächspartner stellen fest, dass die Sparpolitik aneinem Spielraum anknüpft, die jedoch nicht direkt mit der europäischen Haushalts- und Schuldenkrise zusammenhängt. Die EU-Verordnung scheint den deutschen Sozialdienstleistungssektor nicht direkt zu beeinflussen, da der nationale Rechtsrahmen EU-Richtlinien vermittelt. Gewerkschaften sowie Arbeitgeber- und Wohlfahrtsorganisationen setzen sich jedoch für den politischen Entscheidungsprozess der EU ein, z. B.

bei der Überarbeitung der Richtlinie über das öffentliche Auftragswesen. Auch die EU-Verordnung über öffentliche Subventionen wirkt sich auf den deutschen Bereich der sozialen Dienstleistungen aus. Private Anbieter haben versucht, diese Vorschriften zu nutzen, um den deutschen Markt zu ihren Gunsten umzustrukturieren, und Beschwerden an die Europäische Kommission gerichtet; Aus ihrer Sicht waren die Ergebnisse jedoch unbefriedigend (Interview 24).